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Untergewicht
Der Versuch, möglichst viel abzunehmen, oder auch die Weigerung,
das Gewicht zu erreichen, das für das Lebensalter und für
die Körpergröße normal wäre, sind sicher die
auffallendsten Merkmale der Magersucht.
Wenn eine Person also deutlich weniger wiegt (ca. 15%), als eigentlich
zu erwarten wäre, und auf keinen
Fall mehr wiegen möchte, sogar
weiter abnehmen will,
ist dies ein ernster Hinweis auf eine Magersucht.
Heute wird Untergewicht mit dem sog. "body-mass-index"
(BMI) festgestellt, weil dieser Wert auch die Körpergröße
berücksichtigt. Dabei geht man nach folgender Formel vor: Körpergewicht
(in kg) geteilt durch das Quadrat der Körpergröße
(in m). Ein BMI von 19 bis 25 gilt als normalgewichtig. Bei einem
BMI, der kleiner als 18 ist, muss sehr ernsthaft von einer Anorexie
ausgegangen werden. Wenn Sie wissen möchten, wie hoch Ihr persönlicher
BMI ist, klicken sie hier: Persönlicher
BMI
Essverhalten
Untergewicht ist zwar das wichtigste, aber nicht das einzige Merkmal
der Magersucht. Auffallend sind deutliche Veränderungen
im alltäglichen Essverhalten: Die Tendenz, das Essverhalten
sehr zu kontrollieren, also bestimmte, meist fetthaltige oder kalorienreiche,
Lebensmittel zu vermeiden; das Bestreben, die Nahrungsaufnahme möglichst
weit einzuschränken, z.B. bestimmte Mahlzeiten wegzulassen
oder nur teilweise zu essen; das Bemühen, bei fast allen Mahlzeiten
die Kalorien und Nährstoffzusammensetzung zu berechnen.
Mehr und mehr Lebensmittel werden zu "verbotenen"
Lebensmitteln, sie zu essen würde eine panische Angst
vor Gewichtszunahme auslösen.
Bei gemeinsamen Mahlzeiten werden deshalb oft Ausreden benutzt,
oder Argumente, die auf den ersten Blick einleuchtend oder sogar
vernünftig erscheinen (hoher Cholesteringehalt, zuviel Fleisch,
empfindlicher Magen, bestimmte Unverträglichkeiten usw.), jedoch
alle das Ziel haben, das Essen zu reduzieren.
Andere Maßnahmen zur Gewichtsabnahme
Nicht nur Fasten, sondern noch vielfältige andere Verhaltensweisen
werden eingesetzt, um abzunehmen. Eine der auffälligsten Möglichkeiten
ist das absichtliche Erbrechen
nach den Mahlzeiten, bei einigen wird Erbrechen jedes Mal, bei anderen
nur nach bestimmten Mahlzeiten eingesetzt.
Eine weitere Möglichkeit ist die regelmäßige
Einnahme von Abführmitteln oder Medikamenten zur Entwässerung,
nicht selten in großen Mengen bis zu 100facher Überdosierung.
Andere Patientinnen und Patienten treiben stattdessen oder zusätzlich
in extremer Weise Sport, z.B.
Joggen, Radfahren oder exzessive Fitness-Übungen.
Angst vor dem Dicksein
Die Angst, dick zu sein oder dick zu werden, ist ein ganz zentrales
Merkmal essgestörter Patienten. Es geht nicht mehr nur um eine
Einstellung (schlank ist schön), sondern um eine heftige
emotionale und körperlich spürbare Reaktion, die
durch Essen, bestimmte Lebensmittel und auch durch eine Konfrontation
mit dem Körpergewicht und der Figur ausgelöst wird: Panik.
Die Angst ist durch den "Verstand" kaum noch zu steuern,
sie wird für die Betroffenen so unerträglich, dass sie
nur eine Möglichkeit sehen, sie zu beherrschen: Kontrolle des
Essverhaltens, um Gewicht abzunehmen.
Kontrolle und Disziplin
Das ganze Denken dreht sich fast nur noch um das Thema Essen. Jede
Mahlzeit, jedes Lebensmittel wird auf Kalorienzahl, Fett- und Eiweißgehalt
geprüft, die tägliche Kalorienzufuhr wird gezählt,
die Mengen und Größen der Mahlzeiten werden genau registriert.
Kontrolliert wird natürlich ganz besonders, ob sich das eingeschränkte
Essverhalten auch in Ergebnissen zeigt: Tägliches Wiegen, manchmal
oft am Tag, und dabei die Orientierung an "magischen Grenzen",
d.h. dass ein bestimmtes Körpergewicht nicht überschritten
werden darf; oft wird diese Grenze immer weiter gesenkt. Auch die
Figur wird oft und kritisch kontrolliert, manchmal vor dem Spiegel,
oder anhand von Kleidergrößen, oder durch Abtasten von
"kritischen" Stellen.
Wahrnehmung
Die eigene Wahrnehmung ändert sich radikal. Der Körper,
insbesondere die Figur, wird als viel zu dick wahrgenommen oder
besser gesagt "empfunden", selbst dann, wenn die Person
schon sehr untergewichtig und offensichtlich sehr abgemagert ist.
Man nennt dieses Phänomen "Körperschemastörung".
Die Betroffenen "wissen" zwar, wie dünn sie sind,
aber sie "fühlen" sich weiterhin zu dick.
Dieses täuschende Gefühl ist stärker als der Blick
und das Wissen, denn durch die körperlichen Veränderungen
im Hirnstoffwechsel ist auch die Figurwahrnehmung erheblich gestört.
Auch andere Wahrnehmungen sind gestört, z.B. das
Gespür für Hunger und Sattheit.
Eine essgestörte Person kann sich nicht mehr auf dieses Gefühl
verlassen, sie kann es nicht mehr zuverlässig oder überhaupt
noch wahrnehmen – und muss es durch Kontrolle, also Kalorienzählen
ersetzen.
Heißhungerattacken und Fressanfälle
Bei einigen Magersüchtigen reagiert der Körper auf das
geänderte Essverhalten mit regelrechten Attacken von Heißhunger,
die nicht immer zu kontrollieren sind. Dann kommt es zu Fressattacken,
bei denen – ähnlich wie bei bulimischen Patientinnen –
große Mengen an kalorienreicher Nahrung verschlungen werden,
um sie anschließend wieder zu erbrechen. Wenn solche Fressattacken
vorkommen, bedeutet das übrigens nicht, dass sich die Magersucht
in eine Bulimie verwandelt hat: Solange die essgestörte Patientin
untergewichtig ist, handelt es sich immer um eine Anorexia nervosa.
Psychische Veränderungen
Je länger die Magersucht andauert, desto mehr hängt der
Selbstwert der betroffenen
Person vom erreichten Körpergewicht und von der Form der Figur
ab. Alles Denken kreist zunehmend um Kalorien, Körpergewicht,
Figur, Essen und Kontrolle des Essens. Andere Lebensbereiche, die
früher die Selbsteinschätzung geprägt haben, wie
z.B. Beziehungen, Bedürfnisse, Interessen, Fähigkeiten,
Aktivitäten usw. spielen kaum noch eine Rolle für die
Tatsache, ob man sich akzeptiert oder nicht.
Gefühle werden weniger wahrgenommen, dafür werden Disziplin
und Kontrolle immer bedeutsamer.
Das Bedürfnis nach
Kontrolle, Erfolgserlebnissen, Kompetenz und Selbständigkeit
wird mehr und mehr durch das Essverhalten befriedigt. Mit zunehmender
Erkrankungsdauer vermindern sich Konzentrationsfähigkeit und
Aufmerksamkeit, es kommt häufiger zu Depressionen, Interesseverlust,
Apathie. Beziehungen werden immer weniger gepflegt, die soziale
Isolation – auch innerhalb der Familie – wird stärker,
der Umgang mit anderen Menschen wird eingeschränkter und restriktiver.
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